Gebändigte Bewegung


Dr. Maria Schüly | Kunsthistorikerin | Freiburg


Seit nunmehr […] Jahren arbeitet Eva Koj selbständig, stellt sich mehrmals im Jahr der Öffentlichkeit auf nationalen und internationalen Ausstellungen, auf Messen und Märkten und in ihrer Werkstattgalerie. Schon von weitem erkennt man ihre bewegten, schroffen und dennoch ausgewogenen Formen und ein zartfarben leuchtendes Seladon. Ihre Arbeiten zeigen über die Jahre nur langsam, aber kontinuierlich Veränderungen. Unbeirrt und konsequent verfolgt die Keramikerin ihren Weg. Die bisher erhaltenen Auszeichnungen bestätigen ein Schaffen von gleichbleibend hoher Qualität.

Von Anfang an zeigt Eva Koj einen ausgeprägten Formwillen. Dekore interessieren sie wenig, auch wenn sie gelegentlich malerische Elemente benutzt. Runde, schlichte Körper liegen ihr besonders. Das spürt man. Wer kann sich der Kraft ihrer geballten, spannungsvollen Formen schon entziehen? Es entstehen aber auch gerade Wände, Zylinder- oder Trichterformen. Bei genauerem Hinsehen entdeckt man, dass Eva Koj sich mit einem relativ engen Formenkanon begnügt, aber welche Vielfalt entsteht daraus! Keine Form gleicht der anderen. Es sind die kleinen Abweichungen und die daraus entwickelten Veränderungen, die sie spannend findet und die sie in ihrer Arbeit weitertragen.

Sehr bald war der jungen Keramikerin das Drehen von strengen und ruhigen Gefäßen zu langweilig. Sie suchte Bewegung in ihre Formen zu bekommen. Christine Atmer de Reig hatte ihr die Augen für die künstlerische Keramik geöffnet. Bei ihr absolvierte Eva Koj die ersten Lehrjahre, ein mehrjähriges Praktikum 1983-85, das dann doch nicht mit der Gesellenprüfung endete, weil das Studium der Freien Kunst und Keramik an der Fachhochschule Kiel reizte.

Ihr Professor Johannes Gebhardt ist jedoch kein einfacher Lehrer. Er verlangte besonders in den ersten Semestern ein fast wissenschaftliches und systematisches Arbeiten, das im Gegensatz zur experimentierfreudigen Atmosphäre steht, die EK davor kennen gelernt hatte. Wissbegierig stürzt sie sich auf alles Neue, probiert Techniken und Materialien aus und testet die Grenzen des Möglichen. Johannes Gebhardt suchte die Studentin in ihrem ungestümen Tun zu disziplinieren. Das war hart, aber heute ist sie froh, kontinuierliches Arbeiten an der Form und die Fähigkeit zur Selbstkritik erlernt zu haben.

Mit der Schule kommt EK erstmals nach Korea, wohin Johannes Gebhardt aus Kiel und Young Je Lee aus Kassel eine Studienreise organisiert hatten. Hat sie dort ihre Liebe zum Seladon entdeckt?

Über einen Studentenaustausch ihres Lehrers lernt sie zudem das Glasblasen in Sunderland (Großbritannien) kennen, eine Erfahrung, die EK noch heute beschäftigt. Wir können von Glück sagen, dass sie uns dort für die Keramik nicht verloren ging, denn das Glasblasen gefiel ihr ausgezeichnet, hat es doch auch mit Drehen sowie spontanem Agieren und Reagieren zu tun. Außerdem übten die klare, tief durchgefärbte Glasmasse und der rasche Verarbeitungsprozess auf EK eine große Faszination aus.

Johannes Gebhardt hat die junge Keramikerin wohl prägen können, denn sie fertigt noch in den ersten Jahren nach ihrem Examen 1992 und der gewonnenen Selbständigkeit in Neumünster klare, ruhige Gefäße mit monochromen Glasuren. Es dauert aber nicht lange, da muss sie ihre Formen wieder befreien und greift ein bereits im Studium entwickeltes Verfahren wieder auf. Sie sucht die Strenge einer regelmäßigen mit der Freiheit einer unregelmäßigen Form zu verbinden. Das Montieren einer ruhigen mit einer bewegten, einer symmetrischen mit einer asymmetrischen Form wird zu ihrem Gestaltungsprinzip. Auf einem ruhigen und robusten Körper laufen Hals und Öffnungen jetzt dünn aus und enden wie fransig aufgerissenes Papier. Oder wulstige Kragen schwingen, brechen einseitig ein und haben doch einen festen Stand. Die Oberflächen sind stets unglasiert, changieren in den verschiedensten Gelb-, Rot- und Brauntönen, matt oder von einer aufgesprühten Kochsalzlösung leicht glänzend. Die horizontalen Strukturen des Drehens und die mitgezogenen „Steine“ der speziellen, körnigen Tonmasse oder auch spontane Zeichnungen, die durch aufgetragene und wieder abgeriebene Oxyde dunkel hervorgehoben werden, setzen graphische Akzente. Vertikale Strukturen ergeben sich durch von innen nach außen geweitete Risse. Einzelne Glasurwischer unterstreichen den spontanen Ausdruck ihrer Gefäße, der doch weitgehend gesteuert ist.

Neben diesen bewegten Formen lernt Eva Koj ihre ruhigen Modelle wieder schätzen und adelt sie durch Seladonglasuren zu erlesener Vollkommenheit. Das Glasblasen hatte in ihr ein neues Verhältnis zu Glasuren geweckt. Zunächst sucht sie eine matte und doch durchscheinende, tiefe Glasur zu entwickeln. Außerdem setzt sie Glasscherben zur Erzielung bestimmter Effekte ein. Aber das unendliche Farbenspiel des Seladon in den unterschiedlichsten Grüntönen überdauert all diese Experimente und fasziniert EK bis heute.

In der Stadttöpferei in Neumünster hatte sie endlich ihre Unabhängigkeit gewonnen. Dort konnte sie ihren Stil weiterentwickeln, unterstützt durch ein Stipendium der Dr.-Hans-Hoch-Stiftung, die, nach Absprache mit Johannes Gebhardt 1987 gegründet, jungen Keramikerinnen und Keramikern Wohn-, Arbeits- und Verkaufsräume auf Zeit zur Verfügung stellte. EK hatte hier 1992-95 nicht nur ihre erste eigene Werkstatt, sondern auch Gelegenheit, Ausstellung mit eigenen Arbeiten und denen ihrer Kolleginnen und Kollegen zu veranstalten.

Danach wechselt sie an das Keramik Centrum Kiel, das ebenso 1987 auf Initiative von Johannes Gebhardt und mit der finanziellen Unterstützung von Sponsoren aus Kiel in den Gebäuden einer ehemaligen Omnibushalle entstand. Dieses Keramik Centrum hatte seinerzeit weithin durch Ausstellungen und Symposien auf sich aufmerksam gemacht. Mit dem Nötigen ausgestattete Arbeitsplätze in kleinen Häuschen und verschiedene Brennöfen ermöglichten bis zu fünf Keramikerinnen oder Keramikern, in einer Werkstattgemeinschaft zu arbeiten. EK ist hier 1995 bis zum Abriss der Halle 2001. Ein neuer Ort für ein Keramikzentrum kann nicht gefunden werden. Deshalb zieht sie anschließend nach Mielkendorf bei Kiel, wo sie seither in eigener Werkstatt mit Ausstellungsräumen arbeitet.

Bis heute hat EK ihre zweigleisige Arbeitsweise nicht aufgegeben. Die bewegten bedingen die ruhigen Formen und die schrundigen brauchen die glatten Oberflächen, sagt sie. Im Kontrast zu den rauen, erdfarbenen Flächen, mit denen man Sonne, Sand und Wärme assoziieren kann, stehen die gleichsam an Wasser und Seen erinnernden Seladonfarben, teichgrün oder eisblau, manchmal fast weiß. Ein Graugrün wie vor einem Gewitter ist gerade in Arbeit. Noch immer ist es ein entscheidendes Merkmal von EKs Arbeiten, die Grenzen verschiedener Extreme auszuloten. Seit ein paar Jahren fertigt sie ihre Diaboli, wobei sie bei diesen Drehkörpern besonders das Element der Bewegung interessiert. Manche Formen scheinen regelrecht zu tanzen. Ihre dünnwandigen Boote ruhen dagegen in sich, wirken wie versteinerte Zeugnisse archaischer Kulturen, abgeschieden und dem Verfall preisgegeben.